Deutsche Mitausreisende Partnerinnen in den USA

 

Die Erfolgsaussichten eines Auslandseinsatzes für den versetzten Manager, den mitausreisenden Lebenspartner und die Kinder hängt von bekannten und daher lenkbaren aber auch von unbekannten Faktoren ab. Für den berufstätigen Partner gibt es bereits gut untersuchte und deshalb auch effektive Trainings- und Coachingprogramme, die ihnen helfen, ihre Erfolgschancen in einer anderen Geschäftskultur zu erhöhen. Für die mitausreisenden Partner gibt es hingegen kaum Untersuchungen oder Programme, die es ihnen erleichtern das Beste aus ihrem zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalt zu machen.

Obwohl die Anzahl von weiblichen Managern, die ins Ausland vesetzt werden steigt, sind es doch immer noch vor allem Frauen, die ihre männlichen Partner in der Rolle als Mitausreisende im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes begleiten. Für viele ist dieser zeitlich begrenzte Aufenthalt in einem anderen Land eine persönliche und/oder beruflich bereichernde Erfahrung trotz aller Hürden und Risiken. Für andere Frauen kann dieses Wagnis einen Schritt zurück bedeuten oder gar regelrecht traumatisch enden.
 
Insbesondere Groβunternehmen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel Geld in ihre “Expatfamilien” investiert, um die Risiken eines Fiaskos im Rahmen eines Auslandseinsatzes zu minimieren. Finanzielle Unterstützung bis hin zur kompletten Übernahme der Kosten für Wohnen, Schulen, Kindergärten, Nachhilfeunterricht, Visa-Angelegenheiten, Heimreisen, Privatunterricht in Englisch und Weiterbildungen für den mitausreisenden Partner sowie Beratung hinsichtlich kultureller Besonderheiten und lokaler Einkaufsmöglichkeiten, sind nur einige der vielen Beispiele.


Aber nicht alles was glitzert, ist Gold. Wenn eine mitausreisende Partnerin sich mit anderen mitausreisenden Partnerinnen vergleicht, die von der “anderen” Firma kostenintensiver unterstützt werden, so hat das nicht immer den erhofften Effekt. Welche dieser Investionen machen wirklich Sinn und welche nicht? Damit befassen sich auch die Unternehmen in den letzten Jahren und hinterfragen deshalb zunehmend, welche Hilfestellungen bei Auslandseinsätzen tatsächlich zum erhofften Erfolg führen.


Welches sind denn dann die eigentlichen Kernfragen für die mitausreisenden Frauen, die ihren Erfolg als Mensch, Partnerin und Mutter bestimmen? Diese hängen mit ihrem familären und persönlichen Hintergrund zusammen und mit welchen eigenen Zielen, oder anders gesagt, mit welchem Selbstbewuβtsein oder Selbstverständnis Frauen ihre Männer begleiten. Ganz entscheidend ist auch ob, ihre Leistungen als begleitende Partnerin geschätzt werden.

 
Als Coach habe ich viele Schicksaale von mitausreisenden Partnern entweder direkt miterlebt oder über den berufstätigen Partner mitverfolgt. Als eines von drei Kindern eines Geschäftsführers von ausländischen Tochtergesellschaften groβer deutscher Unternehmen, der alle vier Jahre versetzt wurde und später als mitrausreisende Ehefrau in drei unterschiedliche Kontinente ist mir das “Expatleben” in seinen verschiedenen Fazetten nicht fremd.


Ich meine, dass noch vor einer Generation ein Auslandseinsatz für eine Frau leichter war. Lasst mich erzählen. Meine Mutter und alle ihre Bekannten und Freundinen aus ihren Auslandsaufenthalten in Venezuela, Brasilien, Deutschland, Portugal, USA, oder Kanada sind heute Mitte siebzig. Auslandseinsätze waren damals viel weniger erforscht und deshalb ein viel gröβeres Abenteuer als heute. Andererseits war aber das Selbstverständnis dieser Frauen ein ganz anderes. “Expatehefrauen” verstanden sich als
richtige Frauen, wenn sie ihre Partner vollstens unterstützten und ihnen den Rücken frei hielten. Im Beruf ihrer Männer wirkten sie indirekt durch Zuhören mit, erfüllten aber zudem auch konkrete und für seine Karriere relevante Aufgaben. Damals fanden z.B. noch viel häufiger als heute gesellschaftliche Funktionen zuhause statt, die sie bis perfekt organisierten. Die Rollen waren klar und eindeutig, Männlein und Weiblein wussten, was zu tun war. Die Kinder waren Kinder und wurden nach dem “Hausbuch der deutschen Familie” erzogen, das viele unserer Eltern noch heute auf ihren Regalen stehen haben.

Aber die Rollen aller Familienmitglieder haben sich zwischenzeitlich geändert und ändern sich auch ständig weiter. Was früher galt, gilt heute nur noch bedingt oder gar nicht mehr. Heute haben Frauen ein viel weniger eindeutig definiertes Selbstverständnis. Auch in der Kindererziehung gibt es heute viele unterschiedliche Aufassungen und Richtungen. Frauen haben heute oft ihre eigenen Berufe, die sie während eines Auslandsaufenthaltens entweder weiterführen wollen oder zeitweise bzw. ganz aufgeben.


Alleine schon die Entscheidung über ihre eigene berufliche Rolle während eines Auslandseinsatzes ist eine erhebliche psychologische Herausforderung für viele Frauen. Der Beruf “Ehefrau und Mutter” genießt heute trotz seiner ernormen Wertschöpfung viel weniger gesellschaftliche Anerkennung als zu Zeiten unserer Mütter. Laut Salary.com erschafft eine gute Hausfrau jährlich einen Wert von $ 136.000. Die Wertschöpfung von Frauen im Haushalt, die zudem auch berufstätig sind, beläuft sich in dieser vielzitierten Studie auf $ 86.000. Fragt doch nur mal zum Spaβ, wie hoch eure Ehemänner oder andere Männer und Frauen die Wertschöpfung einer Hausfrau einschätzen. Der höchste Betrag, den ich bislang als Antwort erhalten habe, belief sich auf $ 50.000. Es ist also heute durchaus nicht ungewöhnlich, daβ viele Frauen in der Rolle als mitausreisende Ehefrau in die USA, die ja viel häufiger ihre Karriere zumindest zeitweise aufs Eis legen als in Deutschland gebliebene Frauen mit der Zeit langsam Zweifel über ihren eigenen Selbstwert entwickeln.

 
Eine ganz andere Herausforderung ist die Entfernung von Freunden und Familie in Deutschland und die oft damit verbundenen Gefühle von Einsamkeit und Isolation. Wenn der Ehemann abends müde und gestresst von der Arbeit kommt und oft verständlicherweise erst einmal seine Ruhe haben will, möchte die Frau endlich mit jemandem Vertrauten ausführlich reden. Einsamkeit und Isolation sind enorme Stressfaktoren. Wie erfolgreich Ehepaare dieses Dilemma handhaben ist wichtig für die seelischen Balance beider und der Kinder, weil diese Unstimmigkeiten in der Ehe viel schneller erfassen als Auβenstehende und auch darunter leiden.

 
Zuletzt, und ohne Anspruch auf Vollständigkeit hinsichtlich der Behandlung aller Herausforderungen, die eine mitausreisende Frau zu bewältigen hat, zu erheben,  möchte ich auf die relative
Strukturlosigkeit des Tagesablaufs einer mitrausreisenden Frau hinweisen. Während der Alltag des berufstätigen Mannes in der Regel mit geplanten Aktivitäten durchorganisiert ist und er sowohl den Alltag als auch die gesamte Zeit seines Einsatzes mit einer immer im Hintergrund mitspielenden Erwartung seiner Karrierezielen nach seinem Auslandseinsatz managed, hat die mitausreisende Ehefrau diese Perspektiven in den meisten Fällen nicht. Ihr Alltag ist vielleicht durch die Schule der Kinder oder das Zubereiten von Mahlzeiten teilweise zeitlich strukturiert, aber viele ihrer Aufgaben könnten eigentlich jederzeit erledigt werden. Und was wartet auf sie nach diesem Auslandsauftenhalt? Diese relative Strukturlosigkeit ist eine riesige Chance eigene Ziele zu verfolgen aber auch ein groβes Risiko die eigene Entwicklung zu vernachlässigen. Man darf schlieβlich nicht vergessen, daβ Erfolg im beruflichen viel einfacher gemessen und honoriert wird und deshalb auch die Prioritätensetzung und die entsprechende Zeiteinteilung viel einfacher ist.


Zusammenfassend ist es deshalb wesentlich, daβ mitausreisende Frauen ein persönliches Entwicklungskonzept für sich selbst entwickeln, das sie während ihrem zeitlich begrenzten Auslandsaufenthalts verwirklichen sollten und mit den Bedürfnissen ihres Lebenspartners und ihren Kinder in Einklang bringen müssen. Dieses Entwicklungskonzept sieht bei jeder Frau nach sorgfältiger Analyse ihrer persönlichen, beruflichen und familären Hintergründe und ihrem Selbstverständnis anders aus.


Simone Silvestri
simone.silvestri@mindcoaching.com